Freitag, 13. Mai 2016

Die Vermessung des Unmenschen

Im Lipsiusbau Dresden wird derzeit die vierte Präsentation des Philosophen Wolfgang Scheppe unter dem Namen "Die Vermessung des Unmenschen - Zur Ästhetik des Rassismus" gezeigt. Sie rückt das Thema „Rassismus“ in den Fokus der Auseinandersetzung. Anhand von bislang nicht gezeigtem Material behandelt sie das Verhältnis wissenschaftlicher Deutungsversuche von Rasse und volkstümlicher rassistischer Vorstellungen. Das Bild spielt eine große Rolle im rassischen Denken.

Drei Werke der bildenden Kunst gewähren gleich zu Beginn der Ausstellung eine Kritik der manipulativen Benutzung von Bildern, mit denen die Differenz des Eigenen zum Fremden plausibel wird: Es sind dies die Skulptur eines frauenraubenden Gorillas des französischen Bildhauers und mit den wissenschaftlichen Rassentheoretikern seiner Zeit verbundenen Emmanuel Frémiet (1824–1910),  es wird von Hauptwerk Manipulation der Kultur des italienischen Künstlers Fabio Mauri (1926–2009) umgeben, dessen Bilderzyklus der „Schönheit der Macht“ zu Zeiten der faschistischen Herrschaft bildlichen Ausdruck gab.

Gorilla, eine Frau raubend - Emmanuel Frémiet (1824-1910)


Ein Video-Triptychon des Filmpioniers Arnold Fanck (1889–1974) fügt drei Sequenzen aus seiner Bildordnung zur Endlosschleife. An ihnen wird der circulus vitiosus der deutschen Geschichte vorgeführt, die mit der rassistischen Wahrnehmung des Anderen in endloser Repetition im Kreis zu treten scheint.

Im Zentrum der Ausstellung steht das bisher nicht erforschte Bildarchiv des Dresdner Ethnologen Bernhard Struck (1888–1971).  Er war zeitweilig kommissarischer Museumsdirektor und hatte zur Zeit des Nationalsozialismus einen rassentheoretischen Lehrstuhl in Jena inne. Das Archiv besteht aus mehr als 20.000 Bildeinträgen und gewährt Zugang zum Vorstellungsraum eines Denkers von Rasse. Er erhielt seine wissenschaftlichen Erkenntnisse vor allem durch die Vermessungen des menschlichen Körpers. Struck selbst war kein expliziter Parteigänger des Nationalsozialismus. Er befand sich allerdings mit dem, was er für reine Wissenschaft hielt, im Einklang mit der in dieser Zeit geltenden Rassenlehre. Sein in Karteikarten verdinglichtes Menschenbild zeigt seine exzessive Erhebung und statistische Verarbeitung von Zahlenwerten bis zu einer Kartierung.  Sie entspricht einem prinzipiellen Geist der Exklusion des Fremden.

Bildarchiv


Trotz ihres ethnologiekritischen Duktus‘ gehört der Ausstellung eine sensationelle ethnographische Schau an. Sie präsentiert zum ersten Mal eine einmalige Sammlung der seltesten und frühesten  Holzskulpturen aus dem tropischen Afrika. Diese sogenannten Seelenfiguren der Bidyogo bilden den Ertrag der einzigen Feldforschung, die Struck je unternahm. Sie verdeutlichen sein methodisches Vollständigkeitsbegehren, dem er sogar Artefakte so unterwarf, als wären sie Datenmaterial.


Selenfiguren (Guinea Bissau)

Zeitgleich zu der Präsentation im Lipsiusbau werden im Sponsel-Raum des Neuen Grünen Gewölbes die Künstlerbücher von Fabio Mauri aus dem Bestand des Kupferstich-Kabinetts zu sehen sein.



Das Projekt wurde durch die Museum & Research Foundation ermöglicht.

WO?
Kunsthalle im Lipsiusbau und Sponsel-Raum im Residenzschloss
13. Mai bis 7. August 2016

Öffnungszeiten:
10 bis 18 Uhr, montags geschlossen
Eintritt frei

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